Barfuss im Wald: Wie die Natur uns hilft, Stress abzubauen
- leomarioncatherine
- vor 3 Tagen
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Aktualisiert: vor 2 Tagen

Letzte Woche habe ich eine seltsame Erfahrung gemacht: Allein im Wald habe ich zum ersten Mal meine Wanderschuhe ausgezogen und bin barfuss unter den Baumkronen spazieren gegangen. Ich gebe zu, ich hatte Bedenken. Würde ich auf etwas Scharfes treten? Würde ich von Insekten gestochen werden?
Zu meiner großen Überraschung versanken meine Füße in einem dicken, weichen Teppich aus Laub und Tannennadeln, der sich wunderbar weich anfühlte. In der Stille des Waldes ließen meine Schritte das Laub knistern wie ein Lagerfeuer. Über meinem Kopf überboten sich die Vögel mit ihren Gesängen. Ich schlenderte ziellos, aber achtsam umher, vermied es, auf Tannenzapfen oder Bucheckern zu treten. Ich war zu 100 Prozent im Hier und Jetzt. Meine Sorgen um meine Familie, die Welt, die Klimakatastrophe, den Krieg in der Ukraine und im Iran sowie um Trump schienen mir fern, wie abgemildert. Mein Bauch entspannte sich. Ein Lächeln breitete sich auf meinem Gesicht aus. Mir ging es einfach gut.
Warum hilft uns der Wald so sehr dabei, Stress abzubauen?
Wäre der berühmte Medizinprofessor Dr. Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio an diesem Tag an meiner Seite gewesen, hätte er zweifellos einen deutlichen Rückgang meines Cortisolspiegels – des Stresshormons – in meinem Speichel gemessen.
Als eine der führenden Persönlichkeiten des „Shinrin-Yoku“ oder der Waldtherapie („Waldbaden“) erforscht er seit Jahren die Auswirkungen der Natur auf unsere körperliche und psychische Gesundheit. Mit erstaunlichen Ergebnissen.
Bereits in den 90er Jahren zeigten seine Studien, dass ein einfacher 15-minütiger Spaziergang im Wald zu folgenden Ergebnissen führt:
• einen Rückgang des Cortisolspiegels („Stresshormon“) um 16 %
• eine Senkung von Puls und Blutdruck
• eine Steigerung der Aktivität des parasympathischen Nervensystems
• ein gesteigertes Gefühl von Wohlbefinden und Ruhe
Er hat außerdem nachgewiesen, dass ein Tag im Wald den Adrenalinspiegel – das zweitwichtigste Stresshormon – bei Männern um fast 30 % und bei Frauen um mehr als 50 % senkt. Warum war der Effekt bei Frauen stärker? Das würde ich gerne wissen.
Ein weiteres positives Ergebnis:
Die Atmosphäre im Wald stärkt unser Immunsystem. Schon ein einziger Tag im Wald genügt, um die Anzahl unserer natürlichen Killerzellen im Blut um durchschnittlich fast 40 % zu erhöhen. Es handelt sich dabei um jene berühmten weißen Blutkörperchen (Lymphozyten) des Immunsystems, die Krebszellen oder virusinfizierte Zellen erkennen und zerstören.
Warum ist das so? Ich habe drei Erklärungen gefunden – biologischer, psychologischer und evolutionärer Natur –, die meine Sicht auf den Wald verändert haben.
Zunächst einmal die Terpene. Dabei handelt es sich um flüchtige organische Moleküle, die von vielen Pflanzen produziert werden, um sich vor Bakterien, Insekten und Pilzen zu schützen. Vor allem immergrüne Bäume wie Kiefern, Zedern oder Fichten setzen zahlreiche Terpene frei. Man kann sie zwar nicht sehen, aber man kann sie riechen. Das ist der Duft, den man wahrnimmt, wenn man durch einen von der Sonne erwärmten Kiefernwald spaziert oder kurz nach einem Regenschauer.
Das Einatmen dieser Moleküle senkt offenbar unseren Stresspegel und stärkt unser Immunsystem. Seitdem versuche ich, so oft wie möglich durch Nadelwälder zu spazieren (sofern diese gesund sind) und erwäge, Kiefern in meinem Garten anzupflanzen.
Zweiter Mechanismus (in meinem vorherigen Blogbeitrag erwähnt): Die Natur fesselt mühelos unsere Aufmerksamkeit (sanfte Faszination), was unser Gehirn entspannt und ihm ermöglicht, sich zu regenerieren.
Ein dritter Mechanismus, der mich überrascht hat: die Biophilie-Hypothese (wörtlich: „Liebe zum Lebendigen“). Diese Theorie wurde 1984 vom renommierten amerikanischen Biologen Edward O. Wilson (1929–2021) entwickelt und besagt, dass der Mensch ein natürliches Bedürfnis hat, sich mit der Natur und dem Lebendigen zu verbinden. Sie beruht auf der Vorstellung, dass unser Erbgut durch Millionen von Jahren der Evolution in einer natürlichen Umgebung geprägt wurde. Als Menschen haben wir gelernt, das zu lieben, was unser Überleben gesichert hat. Glitzerndes Wasser lässt uns unbewusst an die Fische denken, die darin leben, Bäume an Zufluchtsorte und eine Wiese an die Möglichkeit, weit in die Ferne zu blicken. Der Kontakt mit der Natur gibt uns ein Gefühl der Geborgenheit.
Als ich zwischen den Bäumen umherwanderte, dachte ich an unsere Vorfahren, die ebenfalls barfuss durch den Wald gingen. Wie sah ihr Leben aus? War der Wald für sie eine Quelle des Trostes oder der Gefahr? Ich verspüre keinerlei Wunsch, in diese Zeit zurückzukehren, aber ich habe fest vor, öfter „Waldbäder“ zu nehmen.
Und ihr? Schreibt mir gerne, was ihr im Wald erlebt habt.


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