Warum die Natur uns kreativer macht
- leomarioncatherine
- 15. Apr.
- 3 Min. Lesezeit

„Die Hochzeit der Seele mit der Natur macht den Verstand fruchtbar und erzeugt die Phantasie“
Henry David Thoreau (US-amerikanischer Schriftsteller und Philosoph, 1817-1862)
Es gibt Zitate, die einen sofort emotional ansprechen und den Impuls geben, rauszugehen: Laptop zu, Turnschuhe an, Treppen runter, Luft ein- und ausatmen, den Vögeln lauschen und schauen, was alles im Park schon wächst.
Aber warum ist das so? Warum beflügelt die Natur unsere Phantasie? Warum werden wir anscheinend in der Natur kreativer und konzentrierter? Und ist man nicht fokussierter, wenn man drinnen arbeitet, ohne von Eichhörnchen, Ringeltauben und kreisenden Greifvögeln abgelenkt zu werden?
Buch eins auf meinem Nachtisch: „Der Biophilia Effekt“ des Biologen und Sachbuchautors Clemens G. Arvay (1980-2023). Dort kann ich lesen, dass es, laut William James, einem einflussreichen US-amerikanischen Psychologen und Mitgründer der wissenschaftlichen Psychologie (1842–1910), zwei Formen der Aufmerksamkeit gibt: die willentliche Aufmerksamkeit und die unwillkürliche Aufmerksamkeit.
William James beschrieb schon 1890, in seinem Werk The Principles of Psychology, die Aufmerksamkeit als „das Ergreifen des Geistes, in klarer und lebhafter Form, eines von mehreren gleichzeitig möglichen Objekten oder Gedanken.“ Oder anders gesagt: unser Geist wird ständig von vielen Eindrücken überflutet und Aufmerksamkeit bedeutet, einen davon auszuwählen.
Aufmerksamkeit kann „willentlich“ oder „unwillkürlich“ sein. Willentlich bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit absichtlich auf etwas richten, auch wenn es nicht automatisch interessant ist: Lernen für eine Prüfung, einen schwierigen Text lesen, E-Mails beantworten. Sie ist das Ergebnis einer bewussten Entscheidung: zum Beispiel, ich entscheide mich gerade bewusst, mich auf das Schreiben dieses Texts zu konzentrieren, obwohl die Sonne scheint und der Park ruft. Diese Form der Aufmerksamkeit ist anstrengend, kostet mentale Energie und ist begrenzt.
Im Gegensatz dazu steht die unwillkürliche Aufmerksamkeit, die automatisch passiert. Zum Beispiel wenn wir ruhig sitzen und ein Buch lesen. Plötzlich fällt draußen etwas laut auf den Boden. Ohne dass wir das wollen, wenden wir uns sofort unsere Aufmerksamkeit dem Geräusch zu.
In der Natur wird genau diese Form der unwillkürlichen Aufmerksamkeit gefördert. Es gibt viele Naturreize, die automatisch unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, aber auf eine eher sanfte und angenehme Weise. Naturreize wie Blätter, die sich im Wind bewegen, Wasser, das fließt, Vogelstimmen, weckt unsere Aufmerksamkeit unwillkürlich, ohne sie zu überfordern. Das nennt man „sanfte Faszination“.
Manchmal steigert sich diese Faszination in ein Gefühl der Ehrfurcht und wir fühlen uns überwältigt von der Schönheit der Berge, der Urkraft der Ozeane, der Unendlichkeit des Sternenhimmels. In dem Dokumentarfilm von Vincent Munier, „Das Flüstern der Wälder“ (2025) zum Beispiel, kommen wir aus dem Staunen nicht mehr raus. Drei Männer aus drei Generationen, ein Großvater, sein Sohn und Enkelsohn, schauen, wie Wolken wie eilige Gespenster über die Kronen von Fichten schnell vorbeiziehen, wie Rehe und Hirsche im Nebel mysteriösen Kreaturen gleich einen See durchqueren. Sie lauschen den Gesängen der Vögel und den Geräuschen der Bäume. Das Flüstern der Wälder wird zu einer Symphonie und wir hören mit, hochkonzentriert und tief entspannt.
Das ist nicht alles. Rachel Kaplan und Stephan Kaplan, zwei US-amerikanische Psychologen, haben in ihrer „Aufmerksamkeitserholungstheorie“ (Attention Restoration Theory) herausgefunden, dass genau diese Faszination für die Natur uns guttut. Diese unwillkürliche Aufmerksamkeit oder Faszination ist mühelos und dadurch mental erholsam. Sie hilft uns, unsere Fähigkeit zu willentlicher Aufmerksamkeit wiederherzustellen. Laut Kaplan ist also die Natur nicht nur „schön“, sondern hat messbare kognitive Vorteile.
Zum Beispiel:
bessere Konzentration
weniger mentale Erschöpfung
schnellere Erholung von Stress
„Natur wirkt im Normalfall entspannend, weil sie keine Konzentration erfordert und die Gedanken abschweifen können. Dadurch kann sich die Aufmerksamkeit wieder regenerieren“, schreibt meine wunderbare Ausbilderin Katja Dienemann in ihrem Skript zu meiner Weiterbildung zum integrativen Naturcoach.
Deswegen haben vermutlich die Eichhörnchen, die Ringeltauben und die Greifvögel, die ich heute früh im Park beobachtet habe, mich nicht abgelenkt, sondern mir geholfen, diesen ersten Blog-Text zu schreiben.
Und jetzt bin ich neugierig: Welche Erfahrungen mit der Natur habt ihr? Wann hat sie euch geholfen, konzentrierter und kreativer zu sein?

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